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[thing-group] Received 24. 04. 2006 -- 05:27 from from

Re: Fuer den natuerlichen Tod des Kunstwerks

farzelgeneration, hier ist etwas, dass ihrer tastatur entsprungen
sein muss:

Paid Leave oder Manifest für die Kunst des Nichtstuns

Die Kunst ist keine Frage der Technik.
Der Kunst sind die Mittel der Kunstproduktion gleichgültig.
Die Kunst ist Konzept.
Die Kunst ist Nichtstun.


Alle früheren Zeiten kannten eine aktiven und einen passiven Zustand,
eine vita activa und eine vita contemplativa. Rumwerkeln und
Besinnung. Krieger und Mönch. Politiker und Philosoph. Ja, die ganze
digitale Revolution schuldet alles dem Handeln und Ruhen, dem An und
Aus der 1 und der 0.
Doch wir haben den Antagonismus instrumentalisiert, auf Platinen
gezogen und im globalkapitalen Dauerhandeln vergessen worauf unser
Handy und PDA basiert. Wir sind hyperaktiv und versuchen im Wellness-
Spektakel unserer Freizeit bei östlicher Teezeremonie und
Meditationsgehampel die Amnesie zu überwinden.

Und da blickt uns Marcel Duchamp tröstend in die Augen, zwinkert uns
zu und macht den nächsten Schachzug. Es ist egal, dass Marcel die
ready-mades erfand und damit den Kunstbegriff bis zur Auflösung
erweiterte, egal, dass er durch inflationären Pseudonymgebrauch das
Künstlersubjekt bis zur Auflösung schizofrenierte. Marcel ist wichtig
weil er Schach spielte und alle dachten, das hat etwas mit Kunst zu
tun. Marcel hörte auf Kunst zu produzieren und wurde so, inaktiv, zum
ersten Konzeptkünstler.

Und während Joseph Beuys noch stöhnt: "das Schweigen des Marcel
Duchamps wird überbewertet" erklären wir dem Schamanen, dass alle
Künstler Heiler sind.

Denn, wenn Kunst in der Hinwendung zum Konzept dem daueraktiven
Gesellschaftsspektakel ganz entspannt die Luft raus lässt und die
verlorene Zeit zurückerinnert, wird sie gleichsam zum Dr. Freud des
Chronos-Komplexes. So wie Chronos seine Kinder frisst, verschlingt
die kapitalistische Vollzeitmaschinerie mit ihrer Hollywoodisierung
noch den letzten Rest von wirklich "freier" Zeit. Selbst die
Erinnerung daran scheint verdrängt und verloren. Und so verbleibt nur
das konzeptuelle Nichtstun des Künstlers als heilende Rettung aus dem
alltäglichen zeitverschlingenden Mahlstrom.

Wenn Adorno das Aufscheinen der Utopie einzig in der Negation des
Bestehenden sieht, so stellt der freie Künstler dem ubiquitären
Konsum- und Arbeitszwang seine freie Zeit entgegen.

Doch, wie Dr. Freud erkannte, ist nur die bezahlte Therapie die
wirksame. Und so verlangen wir Künstler zum heilenden Wohle der frei-
zeitlosen Gesellschaft, die Bezahlung unseres konzeptuellen Nichtstuns.

Wir fordern:

· Mindestlohn für künstlerische Freizeit
· bezahlten Urlaub
· Umsetzung von Gustav Metzgers Internierungsidee für arbeitssüchtige
Künstler
· Galeriefreie Samstage
· Verbot von Komposita wie "Software-Kunst" (das ist Kunsthandwerk
und irreführend)
· Aufwertung der Null

Denkt frei, nehmt euch frei, seid frei!

Am 24.04.2006 um 00:17 schrieb farkelgenerator:

>
> perfekt. besser hätte ich es auch nicht schreiben können.
>
>
>
>
> Am 23.04.2006 um 21:48 schrieb bonzo [at] signifikat [dot] de:
>
>
> Manifest fuer den natuerlichen Tod des Kunstwerkes
>
>
> Wo ist Hoffnung, wenn mit zunehmendem Alter die Hautoberflaeche
> gleich der Erfahrung zunimmt und sich zu kraeuseln beginnt wie
> die Seeoberflaeche beim ersten Hauch des Herbstwindes? Wer
> glaettet die Sorgenfalten? Wer verscheucht die Kraehen, die
> durchs Gesicht fusseln? Nicht Ellen Betrix. Nicht Oil of Olaz.
> Freunde schmeisst die Tiegel und Tuben sortiert in den Muell.
> Unsere wahre Hoffnung ist die Kunst! Die vergeht nicht. Die
> wird mit zunehmendem Alter immer besser, wie guter Wein.
> Und das Wunderbarste: sie altert spurenfrei. Schauen wir ein
> wenig neidvoll in die Restaurierungs-kammern der Museen.
> Schauen wir bewundernd zu den Pigment-Doctores auf: sie haben
> das Geheimnis ewiger Jugend entdeckt! Und wieder haengt
> Leornardos laechelnde Schlampe mit 500-jaehriger Samthaut wie
> ein Pfirsichpopo im Rahmen.
>
> Ja, warum denn? Ja, was soll das? Warum wird auf Sixtina
> komm raus erhalten, bewahrt und retuschiert?
> Machen wir uns nichts vor: die zwanghafte Erhaltung von Kunst,
> die umfassende Durchaesthetisierung des Alltags, die staendige
> Reanimation und Wiederentdeckung vergangener Kunstepochen ist
> nur Ausdruck der heutigen Phobie vor Alter, Runzeln und Tod.
> Kunst als zeitlose Konstante ist die Wunschprojektion der
> altersfreien Gesellschaft, ein verkehrtes Dorian-Gray-Syndrom.
> Und dabei entspricht die staendige und zwanghafte Restaurierung
> alter Kunstwerke genau dem Face-Lifting des Schoenheitschirurgen.
> Der Erhalt abrissreifer Schrottbauten dem Jogging-Widerstand
> gegen erschlaffendes Fleisch.
> Nehmen wir die Dresdner Frauenkirche: der historische Prozess
> wird umgekehrt und das ausgebrannte Symbol einer Gewaltherrschaft
> wird mit weltweitem Spendenaufkommen versoehnlich zurueckidyllisiert.
> Die Dresdner Frauenkirche ist die erste globale Kirchturmpolitik.
> Frueher lehnten die Avantgarden das Altbackene ab: Wenn Marcel Duchamp
> Mona Lisa einen Bart malt, sagt er, dass diese Kunst einen Bart hat.
> Marinettis futuristische Rennwagenbegeisterung blies fuer Nike die
> Totenhupe.
> Heute ist Nike eine wohlgenaehrte Sportmarke, die alles daransetzt,
> die
> Fiktion des sportlichen Jugendlichen bis ins Grab zu verlaengern.
>
> Denn Infantilisierung, das ist die andere Seite der Medaille:
> Jugendliche und Erwachsene tragen Kleidergroessen, in die sie
> niemals hineinwachsen koennen, selbst, wenn sie die Wachstums-
> geschwindigkeit von 6jaehrigen besaessen. Trendsportgeraet der
> Mittdreisiger war noch kuerzlich der Tretroller, dem sich frueher
> schon Vierjaehrige entwachsen fuehlten und lautstark ein
> Fahrrad forderten.
>
> Und natuerlich schauen die Erwachsenen Tierfilme, die
> abendfuellend jedes Fernsehprogramm beherrschen.
> Waehrend Kunst frueher komplex die Welt rumwuerfelte, reagiert
> sie heute allzu oft devot mit Basiserfahrungen zum Tasten,
> Schmecken, Sehen, kurz mit Sinneszirkeln fuer Infantilgebliebene.
>
> Das darf nicht sein! Wir sind das Ende der Fahnenstange!
> Stand am Anfang der Moderne mit Raffael die Einstellung des
> ersten Denkmalpflegers, so muessen wir ihm, nach ihrem Ende,
> jetzt endlich und schleunigst die Entlassungspapiere schreiben.
>
> Wir fordern:
>
> 1. Falten fuer Mona Lisa
>
> 2. Verbot von Kunstdrucken
>
> 3. Schluss mit Ausstellungen der klassischen Moderne
>
> 4. volles Licht in die Museen
>
> 5. kunstfreies Wohnen
>
> 6. Foerderung der net.art (vergeht von selbst)
>
> 7. saeurehaltiges Papier
>
> 8. Verknappung der Oelfarbenreserven
>
> 9. Abschaffung des Publikums
>
> 10. Kunstpause
>
> --------------------------
>
> Das Manifest schickt:
> krachkunstkommune
>
>
> -----------------------------
> http://www.kunsttot.de
>
>
>

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