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[thing-group] Received 28. 04. 2006 14:47 from from

Re: Fuer den natuerlichen Tod des Kunstwerks

Erlauben Sie mir folgende bemerkungen:

Konzeptionell gesehen ist die moderne kunst immer "am ende".

Daher ist die forderung nach dem "natuerlichen Tod des Kunstwerks" eine
tautologie.

Es ist eine der grundbedingungen moderner kunst, dass sie fortwährend durch
neues ersetzt wird, und damit der geschichte anheim fällt.

Damit wird historie erst möglich. Der kampf um die erinnerung "grosser
kunstwerke" ist daher ebenso notwendige kontingenz, wie ihr vergessen.

>
> Manche halten es anscheinend in der ihnen angemessenen, verqueren "Art"
> nicht aus, daß gewisse "Kunstwerke" sie überleben,
> und noch lange nach dem Ende einiger Individuen, von Schönheit (etwa) Größe
> und auch Menschlichkeit, (sowie: Klasse und Stil etc.)
> anderer, vorheriger Epochen, "zeugen" werden, ...
>
> Es gab immer schon Menschen, die ihre eigene, etwaige Unfähigkeit gekonnt
> und auch manchmal bewusst kaschiert haben, um mit pauschalisierten, wütenden
> Angriffen auf alle Kunstepochen, die große Werke darin und die elemtare
> künstlerische Kraft anderer, schon längst verblichener, aber in/durch ihre
> nachgelassene Werken niemals sterbenden Künstler/-innen, in die
> Öffentlichkeit zu treten.
>
> Wer für den Untergang der Sixtinischen Kapelle werben mag (und deren
> Vergessen, ..) hat sicher z.B. nichts von dem Begriff: "kulturelles Erbe"
> verstanden und will wohlmöglich die Trost- und Kunstlosigkeit, sowie
> Ratlosigkeit der aktuellen Epoche zum Standard eines defizitären
> künstlerischen Schaffens, welches oft mehr dem Wühlen eines Hundes in der
> Mülltonne nach verwertbaren, abzunagenden Knochen gleichkommt, als
> lebenswertes und freudiges Exemple zur "Statue" erheben.
>
> Auf der anderen Seite eine "etwaige" Infantilisierung der gegenwärtigen
> Gesellschaft anzuprnagern, beißt sich wunderbar und quasi paradigmatisch
> selber in den etwa noch nicht vorhandenen (?) Schwanz!?
>
> Was ist so schlimm daran, wenn sich heute jung und alt annähern und z.B.
> gleiche "Klamotten" und (auch recht praktische, früher verpönte, ..)
> Sportutensilien benützen?
>
> "Kunstfreies Wohnen" zu fordern verdirbt gerade/besonders der sicher
> erhaltenswerten künstlerischen Spezies die "Suppe", welche ihr höchstes
> Bemühen dahin orientiert haben mag (und manchmal staunenswerter Weise: zu
> Recht) das Alltagsleben zur "Kunstform" zu erheben, aber gleichzeitig in
> Widerspruch dazu den Alltag vermarktungsgerecht immer neu erfinden will, um
> möglichst gepflegt aber konform und opportunistisch davon leben zu können!
>
> ("Künstler" die von ihrem Gewinn, den sie auch als solchen "deklarieren"
> (quasi als Unternehmer leben, ..) auch nur wieder: Porsche, Landhäuser,
> Gucci, Rolex kaufen, damit man jene wenigstens gut und rasch als
> partizipierendes, wertvolles und konsumierendes gesellschaftliches
> Norm-Subjekt erkennen mag.)
>
> Und nur darin stimme ich dem Autor der oben erwähnten Zeilen zu, wenn eine
> kritische, diagonale Lektüre seine Pamphlets dies u.a. unterstreichen
> sollte!
>
>
> Subject: Re: [thing-frankfurt] Fuer den natuerlichen Tod des Kunstwerks
>
>
> --------------------------------------------
>
> perfekt. besser hätte ich es auch nicht schreiben können.
>
>
>
>
> Am 23.04.2006 um 21:48 schrieb bonzo [at] signifikat [dot] de:
>
>
> Manifest fuer den natuerlichen Tod des Kunstwerkes
>
>
> Wo ist Hoffnung, wenn mit zunehmendem Alter die Hautoberflaeche
> gleich der Erfahrung zunimmt und sich zu kraeuseln beginnt wie
> die Seeoberflaeche beim ersten Hauch des Herbstwindes? Wer
> glaettet die Sorgenfalten? Wer verscheucht die Kraehen, die
> durchs Gesicht fusseln? Nicht Ellen Betrix. Nicht Oil of Olaz.
> Freunde schmeisst die Tiegel und Tuben sortiert in den Muell.
> Unsere wahre Hoffnung ist die Kunst! Die vergeht nicht. Die
> wird mit zunehmendem Alter immer besser, wie guter Wein.
> Und das Wunderbarste: sie altert spurenfrei. Schauen wir ein
> wenig neidvoll in die Restaurierungs-kammern der Museen.
> Schauen wir bewundernd zu den Pigment-Doctores auf: sie haben
> das Geheimnis ewiger Jugend entdeckt! Und wieder haengt
> Leornardos laechelnde Schlampe mit 500-jaehriger Samthaut wie
> ein Pfirsichpopo im Rahmen.
>
> Ja, warum denn? Ja, was soll das? Warum wird auf Sixtina
> komm raus erhalten, bewahrt und retuschiert?
> Machen wir uns nichts vor: die zwanghafte Erhaltung von Kunst,
> die umfassende Durchaesthetisierung des Alltags, die staendige
> Reanimation und Wiederentdeckung vergangener Kunstepochen ist
> nur Ausdruck der heutigen Phobie vor Alter, Runzeln und Tod.
> Kunst als zeitlose Konstante ist die Wunschprojektion der
> altersfreien Gesellschaft, ein verkehrtes Dorian-Gray-Syndrom.
> Und dabei entspricht die staendige und zwanghafte Restaurierung
> alter Kunstwerke genau dem Face-Lifting des Schoenheitschirurgen.
> Der Erhalt abrissreifer Schrottbauten dem Jogging-Widerstand
> gegen erschlaffendes Fleisch.
> Nehmen wir die Dresdner Frauenkirche: der historische Prozess
> wird umgekehrt und das ausgebrannte Symbol einer Gewaltherrschaft
> wird mit weltweitem Spendenaufkommen versoehnlich zurueckidyllisiert.
> Die Dresdner Frauenkirche ist die erste globale Kirchturmpolitik.
> Frueher lehnten die Avantgarden das Altbackene ab: Wenn Marcel Duchamp
> Mona Lisa einen Bart malt, sagt er, dass diese Kunst einen Bart hat.
> Marinettis futuristische Rennwagenbegeisterung blies fuer Nike die
> Totenhupe.
> Heute ist Nike eine wohlgenaehrte Sportmarke, die alles daransetzt, die
> Fiktion des sportlichen Jugendlichen bis ins Grab zu verlaengern.
>
> Denn Infantilisierung, das ist die andere Seite der Medaille:
> Jugendliche und Erwachsene tragen Kleidergroessen, in die sie
> niemals hineinwachsen koennen, selbst, wenn sie die Wachstums-
> geschwindigkeit von 6jaehrigen besaessen. Trendsportgeraet der
> Mittdreisiger war noch kuerzlich der Tretroller, dem sich frueher
> schon Vierjaehrige entwachsen fuehlten und lautstark ein
> Fahrrad forderten.
>
> Und natuerlich schauen die Erwachsenen Tierfilme, die
> abendfuellend jedes Fernsehprogramm beherrschen.
> Waehrend Kunst frueher komplex die Welt rumwuerfelte, reagiert
> sie heute allzu oft devot mit Basiserfahrungen zum Tasten,
> Schmecken, Sehen, kurz mit Sinneszirkeln fuer Infantilgebliebene.
>
> Das darf nicht sein! Wir sind das Ende der Fahnenstange!
> Stand am Anfang der Moderne mit Raffael die Einstellung des
> ersten Denkmalpflegers, so muessen wir ihm, nach ihrem Ende,
> jetzt endlich und schleunigst die Entlassungspapiere schreiben.
>
> Wir fordern:
>
> 1. Falten fuer Mona Lisa
>
> 2. Verbot von Kunstdrucken
>
> 3. Schluss mit Ausstellungen der klassischen Moderne
>
> 4. volles Licht in die Museen
>
> 5. kunstfreies Wohnen
>
> 6. Foerderung der net.art (vergeht von selbst)
>
> 7. saeurehaltiges Papier
>
> 8. Verknappung der Oelfarbenreserven
>
> 9. Abschaffung des Publikums
>
> 10. Kunstpause
>
> --------------------------
>
> Das Manifest schickt:
> krachkunstkommune
>
>
> -----------------------------
> http://www.kunsttot.de
>
>
>

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