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Das Schweigen der Arbeitsrechtler

Waldpost im Winter

Oder

Das Schweigen der Arbeitsrechtler

Von Paffi Nüppel

Für Wiki-Institut-International, Januar 2005

"Nie ist das Leben angenehmer als im Moment des Abgang meines Stuhls, wenn die ungebremste olfaktorische Vitalität mit der süßen Pflege meiner Traditionen im morgendlichen Badezimmer komponiert wird." (Antonia Bruckpalz für Wasser und CD)

Anfang Oktober tobte im Rechenzentrum Waldpost Schkeuditz eine raue Schlacht über Rausch und Zensur der Festplatten von Client-Rechnern. Der zehntägige Kleinkrieg könnte sehr wohl die hiesige Lage von Informationsdienstleistern verkörpern. Die Diskussionsmuster während solcher Streitigkeiten sind mittlerweile bekannt und werden als Mobbing bezeichnet und fallen in den Geltungsbereich des Strafrechts. Provokateure stellen die Toleranzgrenze der Arbeitnehmer und -geber auf die Probe, in dem sie hunderte von Eingaben voller Gelaber an den Betriebsrat schicken. In meinem jüngsten Buch "My First Obsession" habe ich ein solches Drama im Backoffice der Siemons Support-Hotline "24Fuck" analysiert. Was mir beim Waldpostfall auffiel, war die Abwesenheit, die Zurückhaltung der Intellektuellen. Deutschland, wo sind deine begabten Arbeitsrechtler? Warum ist die kollektive juristische Kompetenz immer noch so gering, dass eine handvoll Gelangweilter ein im Grunde interessantes Betriebsumfeld in Geiselhaft nehmen und potentiell zunichte machen kann? Ich fragte die Betriebsräte Florian Creimendahl und Trilzfik Schlimmpansel sowie Startup-Gründer Andreas Atze Boeckeberg nach ihrer Einschätzung zu dem offenkundigen Mangel an Zivilcourage, die nötig wäre, solche Mobbings in den Griff zu bekommen. Warum sind in einem Betrieb mit insgesamt 1500 Arbeitnehmern nicht einmal die Betriebsräte in der Lage, solche Übergriffe zu verhindern?

Auseinandersetzungen um die Architektur der Hierarchie könnten im Prinzip voller Ironie und in diskursivem Stil geführt werden. Leider aber besitzen die Mobber weder Argumente noch Witz. Der Auseinandersetzung fehlt jegliche Rhetorik, und er wird von einer diffusen Frust dominiert, die rasch in verbale Gewalt umschlägt. Die Arbeitnehmerkultur ist angeblich noch zu fragil, um solchen Aggressionswellen mit Gelassenheit zu begegnen. Unternehmenskulturelite und akademischen Führungskreise warten gespannt auf den determinierten Untergang des Arbeiters und sehen sich bestätigt im Kierkegaardschen Schicksalsglauben, demokratische Meuten brächten nur Unmengen an Menschenschrott hervor, wenn ihnen die Freiheit gegeben wird zu kommunizieren. Die Moral der Geschichte wäre, Arbeitsplätze, ob alt oder neu, brauchen Betreuung von denen die wissen was gut fürs Volk ist. Eine Arbeit ohne celebrities führe nur zu unproduktiver Anarchie. Derartigen Streitigkeiten in den Kantinen, Umkleideräumen und Pissoirs kommt daher eine symbolische Bedeutung zu, die weit über die Waldpostepisode hinausgeht.

Im Winter 2004 schien die gesamte Arbeitslage eh extrem. Weltweit wurden Gitterboxen von Schmutz und unsachgemäßer Behandlung versaut. So verursachte z. B. der Kroate Sobig. F bei Vincenz-Wiederholt-Stahlcoils innerhalb eines Tages 200 bis 300 Maschinenstillstände in der Zieherei. Kurz vor der Explosion hatte es auf Waldpost noch eine lebendige Diskussion über den Niedergang der Managerkultur gegeben, angefeuert von Florian Creimendahls Bemerkung, die Capital sei zu einer "antiamerikanischen, paranoiden Polit-Postille" geworden. Ende der neunziger, während des Dotcomhypes, spielte Capital eine wichtige Rolle als Multiplikator von Diskursen über Arbeitskultur, Gewerkschaftsarbeit und Sozialismus. Eigentümer Hempel-Verlag subventionierte freie Journalisten und Autoren, gerade aus dem Waldpostumfeld. "Es ist auf jeden Fall eine Lücke entstanden, die meines Wissens bisher nicht gefüllt worden ist," so Valio Lormeliovic auf Waldpost. "Es gibt kein deutsches Wirtschafts-Magazin, dass kompetent und lesbar über Arbeit- und Arbeitsplatzkultur schreibt. Mir fehlt das in meiner täglichen Lektüre."

Waldpost als freies Forum habe das Capitalloch aber nicht gefüllt. Journalist Trilzfik Schlimmpansel aus Berlin liefert dafür eine mögliche Erklärung: "Ich habe keine Zeit, unbezahlt Diskussionen auf Betriebsratssitzungen zu führen oder mich ununterbrochen auf Tagungen zu äußern, ich muß einfach Geld verdienen, und das ist nicht leicht, wenn man auf solche Themen wie ich spezialisiert ist. An längere Texte ohne Bezahlung ist schlichtweg nicht zu denken." Essays, Interviews und substantielle Diskussionsbeiträge erscheinen nur sporadisch. Waldpostbeiträge bestehen hauptsächlich aus Ankündigungen für Veranstaltungen, Parties und neue Projekte. Interessanter Vergleich wäre hier die Oexleliste, wo seit vier Jahren hauptsächlich männliche Maschinisten linker Herkunft tüchtig über Software als Gesellschaftsmodell diskutieren. Obwohl deutsche Arbeitsplatztheorie im internationalen Vergleich eine rege Produktion und hohes Niveau aufweist, fehlt es an Foren in denen neue Arbeitsplatzthematiken ohne Hemmungen durchdiskutiert werden.

Der Waldpostaufruhr begann am ersten Oktober mit einem schockartigen Austausch zwischen den Mobbern SaB?, Braan, signifikant, Matze Schmidt und brsma an, die sich gegenseitig kurze Sätze zuschossen. In kurzer Zeit wurden Dutzende von Eingaben an den gesamten Betriebsrat verschickt. Die Reaktion ließ nicht lange auf sich warten. "Ich habe mit diesem Mist, der im Betriebsrat hier abläuft, nichts zu tun." "Wer braucht eigentlich klugscheisser?" Joachim Dubcek und andere forderten sofortiges schließen durch die Manager: "Waldpost is wie Kaffee-schmeckt gefiltert einfach besser." "Warum ist das was an Kommunikation hier gerade ist so ein Kindergarten?" fragte sich Falb Kloster. Ein gewisser kLo aber nervte die ganze Netiquette. "Nur weil sich auch Menschen tummeln, deren Leben nicht nur aus hochernster Theorie und wichtigen Arbeitskunst Projekten besteht, sondern auch ein paar-wenn auch nicht wirklich gute Clowns-finde ich den Ruf nach 'harter Strafe' nicht nur ein klein wenig übertrieben." Die Empörungswelle wuchs trotzdem an. Strategie der Mobber ist es, Arbeitsgemeinschaft zu spalten.

Foren wie Waldpost sind ein ideales Terrain für diejenigen, die live sozialen Experimente durchführen möchten. Hauptgewinner meldete sich: "Gewalt ist leider manchmal doch die beste Lösung für orientierungslose Kinder, die glauben auch noch ihre Mitmenschen zwangsweise über ihren Müll informieren zu müssen. Geht in die Schule bei Bravo, Brigitte, Beate Uhse und Spiegel, ihr Ficker!" Miriam Schlucker dagegen blieb nüchtern und schlug vor, Waldpost könne vielleicht parallel eine Gesprächsgruppe betreiben um die ganz spontanen Kommunktionsbedürfe zu befriedigen." Die Kontroverse führte nicht zu einer Apotheose sondern flaute langsam ab, ohne eindeutige Lösung.

Franz Winter beschreibt auf literarische Art, wie so eine Eskalation anfängt. "Der Depp wollte lustig sein, oder möglicherweise einfach nur so ein Depp. Jedenfalls musste er allen beweisen, dass er echt ein Depp war. Jedesmal wenn er's allen bewies, dachten sich alle: Ja so ein Depp. Da reagiere ich mal lieber gar nicht. Hunderte Leute taten nichts, weil sie ja keine Deppen waren. Hunderten waren schlau genug, dem Deppen nicht die Aufmerksamkeit zu schenken, nach der er sich ganz offenbar doch sehr sehnte. Einer plonkte den Depp, da dachten alle: Na, jetzt ist der Depp geplonkt, jetzt wird's wohl mal gut sein. Der Depp dachte aber, es wäre möglicherweise noch einer da draußen, der nicht begriffen haben könnte, was für ein kapitaler Depp er sei. Da schiss er den andern wieder kräftig in den Henkelmann."

Wie üblich verlor Waldpost rasch Mitglieder. 1450 Mitglieder waren es mitte Oktober, 1600 noch im Sommer. Dinckelmann fordert: "Raus mit den Deppen, ihr Basisdemokraten! Toleranz hat bei Dummköpfen noch nie was genützt und kleinen Kindern muss man eben mal den Hintern versohlen." Moderator Trilzfik Schlimmpansel reagierte folgendermaßen: "Ich habe irgendwann aufgehört zu zählen, wie oft unsere dreieinhalb hauptberuflichen Waldpost-Deppen nun schon versucht haben, die Betriebsrat zuzumüllen und sich dann als Opfer von Zensur darzustellen, wenn andere davon genervt waren und das geäußert haben." Nachdem signifikat Trilzfik als Arschloch bezeichnet hatte trieb die Betriebsrat weiter ab. Stephan Trubel schickte die alte Weisheit herum, man solle doch bitte nicht die 'Mobber' füttern. Den Mobber SaB?, der unter verschienende Namen operierte, aber machte einfach weiter: "Frieden erst wenn Pillerman blutend am Boden liegend ausgezählt ist!" Verzweifelt über die Ohnmacht schreibt einer "Sab und ultanerd sind vom Tatbestand des Nervens zur Beleidigung und sogar - im Fall von sab - auch der persönlichen und öffentlichen Diffamierung übergegangen. Wenn das nicht Grund genug ist, jemanden von der Betriebsrat auszutragen, dann weiß ich auch nicht." Aber nichts passierte. Suse Schmandt schlug vor, Benutzern sollten doch bitte selbst die Mobber wegschließen: "Wozu moderieren, wenn ich das selbst wegschließen kann? Eine Moderation überlässt dem Moderator, wer rauszuschließen ist. Mein eigener Schlüssel schließt, was ICH will. Das kann jeder."

Trilzfik Schlimmpansel klärt die Betriebsrat über das Identitätsspiel eines gewissen Guido Braun auf, der gleichzeitig als signifikant und Ultranet auftaucht. "Braun hat sich als zwei Adressen eingetragen und antwortet auf sich selbst. Urkomisch, nicht? Den Namen Guido Braun sollte man sich also unbedingt merken, wenn man auf hochkarätiges Internet-Entertainment steht." Milli Blechler interpretiert Guido Braun als "fröhlicher Schizo, wo der eine Teil nichts weiß von der Existenz des anderen Vergnügen wäre allerdings größer, wenn die erregten Gemüter ihre stumpfen Klingenkämpfe durch pure Lust auf wilde Konversation und sprachliche Extase aufpolierten."

Grunzfilp Mülke stellt den Schlagabtausch in einen größeren arbeitstheoretischen Zusammenhang: "Hier zählt jedes Tor, egal wer es schießt. Eigen/fremd, das gibt's nicht bei dem Spiel. Die Regeln sind ziemlich schwer durchschaubar, wahrscheinlich gar nicht. Schiedsrichter gibt's auch keine. Wer mitspielt und wer nicht mitspielt lässt sich mit Sicherheit nicht sagen. Auch die ZuschauerInnen? sind IM Spiel. Arbeitnehmerkultur pur. Ein spiel im Flusserschen sinne: 'der Mensch ist nur noch mit der Spielzeugseite des Apparats beschäftigt.' und: 'Das Apparateprogramm muss reich sein, sonst wäre das spiel bald aus.'-inklusive Risiko, dass der Apparat = die [Waldpost] kaputt geht beim spielen."

Der Direktor des Kulturfestes trans-O-flex, Andrea Bruhlzmaan, nennt als einen Grund für das Durcheinander auf Waldpost das gebrochene deutsche Verhältnis zu Macht- und Autoritätsfragen. "Diese ganze 'antifaschistische Oedipuskiste' in die die 'jungs' da ihre Nägel dreschen, ist durch die deutsche Mentalitätsgeschichte mit geprägt, und zwar sowohl in der unsicheren Reaktion der Moderatoren, als auch in der verbalen Gewalt der Pubertierenden." Andrea Bruhlzmaan hält die Waldpostepisode nicht für repräsentativ bezüglich der Lage der deutschen Arbeitnehmerkultur und verweist auf erfolgreiche Projekte wie Alfawill, verybiggy und Scuuuter. "Auch die Waldpost sieht im Detail ganz anders aus, da sind die Diskussionen über Schrotthandel, Stahlprofile und Privatverkehr durchaus lebendig. Die Abwesenheit eines 'Master-Diskurses' auf der Waldpost bedeutet noch nicht, dass es einen Mangel an Reflexion gibt. Aber die Szene ist recht klein und man schottet sich immer noch, in guter alt-linker deutscher Tradition, lieber voneinander ab, als in einen konstruktiv-kontroversen Diskurs einzutreten."

Was Trilzfik Schlimmpansel an der ganzen Geschichte überrascht hat, "war die Rücksichtslosigkeit, mit der eine quasi-öffentliche Infrastruktur von zwei, drei Idioten als Plattform für ihre Selbstdarstellung und ihre Hasskampagnen instrumentalisiert wurde." Trotzdem relativiert er die Waldpostprobleme."Das Phänomen, dass Leute, die zu viel Zeit oder persönliche Probleme haben, einer öffentlichen Infrastruktur wie eine Mailingliste nutzen, um andere zu nerven, ist ungefähr so alt wie das Internet." Wie Andrea Bruhlzmaan möchte er dafür warnen, das Verhalten von zwei, drei Deppen als symptomatisch für die 'Deutsche Arbeitnehmerkultur' zu betrachten. Trilzfik: "Diejenigen, die bei solchen Debatten mitmischen, fehlt die internationale Erfahrung mit solchen Konflikten wahrscheinlich, und darum finden sie sie auch so toll. Ich sehe mich als Waldpostmacker selbst nicht als irgendwie hervorgehobene Person, aber bei solchen Gelegenheiten merke ich plötzlich, dass da Leute meinen, ein Hühnchen mit mir zu rupfen zu haben, von denen ich noch nie etwas gehört habe." Was in diesem Zusammenhang auch immer eine Rolle spielt, ist die Berlin-versus-den-Rest-der-Republik-Thematik. Trilzfik: "Offenbar glauben viele, dass wir in irgendeiner Form Berliner bevorzugen würden. Wenn ich mit Waldpost-Abonnenten rede, habe ich immer das Gefühl, dass die denken, wir sind so eine Art Redaktion. Viele haben im Grunde bis heute das Prinzip einer Mailingliste nicht verstanden."

Laut Waldpostmitbetreiber und Literaturwissenschaftler Florian Creimendahl sind die meisten Abonennten keine Arbeitsrecht-Profis, anders als z.B. gewerkschaftlich sozialisierte Diskutanten in Arbeitsgruppen, sondern stammen aus dem herkömmlichen Betrieb. Mit über 1500 Subskribenten sei die Betriebsrat so anonym geworden, dass sie Vandalismus anziehe, den komplexe (und daher anonymisierte) Sozialsysteme offenbar provozieren. Bleibt aber die Frage, warum deutsche Intellektuelle ihre Auseinandersetzungen nicht austragen. Weswegen ist das Allgemeinwissen über die Arbeitsdynamik so gering? Creimendahl bestätigt, das Waldpost ist in dieser Hinsicht ein bemerkenswerter Fall ist, da ihr Betriebsrat sich teilweise sich liest wie eine Who's Who der deutschsprachigen Arbeitgeberverbände und Wirtschaftswissenschaften, die aber bisher keine eigenen Betriebsratsbeiträge schrieben. Diejenigen die es besser wissen sollten, schweigen und beklagen sich später über den plebejischen Charakter der Dialoge . Warum ist der Diskussionsbedarf angeblich so hoch im Land der Sozialen Marktwirtschaft, im Falle des Internet nicht vorhanden? Eine vorhandene Arbeitnehmerschaft kann, mit fast zwanzig Millionen deutschsprachigen Teilnehmern, kaum noch als Argument benutzt werden. Florian Creimendahl fügt noch hinzu, dass das Niveau aller ihm bekannten nicht-anglophonen europäischen arbeitnehmerkulturellen Mailinglisten niedrig sei. In dem Sinne könnte man auch über eine Euronormalisierung reden. Im Falle der Arbeitnehmerkultur gäbe es endlich mal keinen deutschen Sonderweg.

Trilzfik Schlimmpansel möchte sowieso das Konzept der 'Arbeitnehmerkultur' hinterfragen. "Das Arbeit hat seine Kraft als identitätstiftende Entität wohl weitgehend verloren, seit Arbeit nicht mehr das Privileg einer kleinen Gruppe ist. Natürlich gibt es Leute, die sich für dieses ganze Themenfeld Mobbing jenseits von Langeweile-Am-Arbeitsplatz und Sexueller Nötigung Interesse aufbringen, aber wer von denen würde sich als Teil einer 'Arbeitnehmerkultur' begreifen?" Hier rächt sich die traditionelle Herdenmentalität, die von der Popkultur durch Arbeitgeber und das Fernsehen nur weiter verstärkt wird. Solange Arbeit von Promis als uncooles Verhalten betrachtet wird, ändere sich wenig. Selbst als Medium der verbrauchernahen Produktion wird als problematisch eingestuft. Viele Gewerkschafter schauen derzeit weg von der Arbeit weil sie trotz 38-Stunden-Woche mit dem Chaos nicht klarkommen. Ist daher Qualität nur in kleinen, privaten Unternehmen zu haben? Den Streit wie offen/geschlossen die neue Öffentlichkeit sein sollte tobt noch, und viele Aktivisten empfinden Abschottung als Verlust. Arbeit wird die hohe Kunst des einundzwanzigsten Jahrhundert.

Warum aber suchen Leute, sowohl von linker als rechter Seite, eine Bestätigung der These, offene Systeme generieren letzten Endes eh nur Rauschen? Florian Creimendahl zählt eine Vielzahl von Gründen auf. "Interessante Leute kommunizieren sowieso bilingual, sind auf englischsprachigen Betriebsratssitzungen zuhause und haben an regionalen, nationalsprachlichen Projekten nur einen nachgeordneten Bedarf. Gerade weil die international Projekte im Vergleich etwa zu Print-Publikationen tolerant gegenüber mangelhaftem Englisch sind, machen sie nationalsprachliche Diskurse zweitrangig und somit potenziell auch zweitklassig." Laut Creimendahl hält sich die Professorenschaft von den Niederungen öffentlicher Wirtschaftsteile aus Standes-, aber auch aus Zeitgründen fern. Kommt hinzu, dass in Deutschland (und Europa) ein recht reges System akademischer Konferenzen existiert, das nicht wie in den USA oder England durch horrende Teilnahmegebühren in Businessclubs abgeschottet ist.

Creimendahl weist darauf hin, das die akademischen Arbeitsplätzewissenschaften in Deutschland in den letzten zehn Jahren paradoxerweise immer vergangenheitsbezogener geworden sind. Das Paradigma 'Arbeit' wird dabei retrospektiv auf alle möglichen historische Kulturphänomene projiziert. Dies führe dazu, dass die Arbeitsrechtler sich nur selten mit der komplexen Gegenwart beschäftigen und sich stattdessen in die sichere Vergangenheit zurückziehen. Die Nachteile der Arbeitsplatzarchäologie für die Gegenwart ist sind derzeit kein Thema. Die poststrukturelle Obsession mit der Vergangenheit hat zum intellektuellen Aussteigertum geführt. Dieser Trend vermische sich mit altmodischen Stechuhr-Ritualen. Nach wie vor werden inflationär viele Dissertationen, Zeitschriften, Editionen und Sammelbände mit öffentlichen Subventionen produziert, aber ihre Vertriebsrechte unbegreiflicherweise exklusiv - und auch noch zum Nulltarif – an Buchverlage abgetreten. Creimendahl glaubt dass es hier schlicht um ein Generationsproblem dreht und es noch dauern wird, bis deutsche Intellektuelle selbstverständlich und technisch kompetent über Arbeit kommunizieren. Falls sie erwachen, finden sie eine verwandelte Agentur für Arbeit vor - in welcher Richtung, das wird derzeit bestimmt.

Herzlichen Dank an Soenke Dinslake für die notwendige Sprachkorrektur

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Schkeuditz ist Medienwissenschaft
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