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[thing-group] Received 26. 01. 2005 20:11 from from

Fwd: [thing-rheinmain] Das Schweigen der Arbeitsrechtler

Anfang der weitergeleiteten E-Mail:

> Von: paffinueppel [at] netscape [dot] net (Paffi Nüppel))
> Datum: 26. Januar 2005 19:56:52 MEZ
> An: rohrpost [at] listner [dot] org, thing-rheinmain [at] listner [dot] org,
> thing-frankfurt [at] yahoogroups [dot] de
> Cc: Betreff: [thing-rheinmain] Das Schweigen der Arbeitsrechtler
>
> Waldpost im Winter
>
> Oder
>
> Das Schweigen der Arbeitsrechtler
>
> Von Paffi Nüppel
>
> Für Wiki-Institut-International, Januar 2005
>
> "Nie ist das Leben angenehmer als im Moment des Abgang meines Stuhls,
> wenn die ungebremste olfaktorische Vitalität mit der süßen Pflege
> meiner Traditionen im morgendlichen Badezimmer komponiert wird."
> (Antonia Bruckpalz für Wasser und CD)
>
> Anfang Oktober tobte im Rechenzentrum Waldpost Schkeuditz eine raue
> Schlacht über Rausch und Zensur der Festplatten von Client-Rechnern.
> Der zehntägige Kleinkrieg könnte sehr wohl die hiesige Lage von
> Informationsdienstleistern verkörpern. Die Diskussionsmuster während
> solcher Streitigkeiten sind mittlerweile bekannt und werden als
> Mobbing bezeichnet und fallen in den Geltungsbereich des Strafrechts.
> Provokateure stellen die Toleranzgrenze der Arbeitnehmer und -geber
> auf die Probe, in dem sie hunderte von Eingaben voller Gelaber an den
> Betriebsrat schicken. In meinem jüngsten Buch "My First Obsession"
> habe ich ein solches Drama im Backoffice der Siemons Support-Hotline
> "24Fuck" analysiert. Was mir beim Waldpostfall auffiel, war die
> Abwesenheit, die Zurückhaltung der Intellektuellen. Deutschland, wo
> sind deine begabten Arbeitsrechtler? Warum ist die kollektive
> juristische Kompetenz immer noch so gering, dass eine handvoll
> Gelangweilter ein im Grunde interessantes Betriebsumfeld in Geiselhaft
> nehmen und potentiell zunichte machen kann? Ich fragte die
> Betriebsräte Florian Creimendahl und Trilzfik Schlimmpansel sowie
> Startup-Gründer Andreas Atze Boeckeberg nach ihrer Einschätzung zu dem
> offenkundigen Mangel an Zivilcourage, die nötig wäre, solche Mobbings
> in den Griff zu bekommen. Warum sind in einem Betrieb mit insgesamt
> 1500 Arbeitnehmern nicht einmal die Betriebsräte in der Lage, solche
> Übergriffe zu verhindern?
>
> Auseinandersetzungen um die Architektur der Hierarchie könnten im
> Prinzip voller Ironie und in diskursivem Stil geführt werden. Leider
> aber besitzen die Mobber weder Argumente noch Witz. Der
> Auseinandersetzung fehlt jegliche Rhetorik, und er wird von einer
> diffusen Frust dominiert, die rasch in verbale Gewalt umschlägt. Die
> Arbeitnehmerkultur ist angeblich noch zu fragil, um solchen
> Aggressionswellen mit Gelassenheit zu begegnen.
> Unternehmenskulturelite und akademischen Führungskreise warten
> gespannt auf den determinierten Untergang des Arbeiters und sehen sich
> bestätigt im Kierkegaardschen Schicksalsglauben, demokratische Meuten
> brächten nur Unmengen an Menschenschrott hervor, wenn ihnen die
> Freiheit gegeben wird zu kommunizieren. Die Moral der Geschichte wäre,
> Arbeitsplätze, ob alt oder neu, brauchen Betreuung von denen die
> wissen was gut fürs Volk ist. Eine Arbeit ohne celebrities führe nur
> zu unproduktiver Anarchie. Derartigen Streitigkeiten in den Kantinen,
> Umkleideräumen und Pissoirs kommt daher eine symbolische Bedeutung zu,
> die weit über die Waldpostepisode hinausgeht.
>
> Im Winter 2004 schien die gesamte Arbeitslage eh extrem. Weltweit
> wurden Gitterboxen von Schmutz und unsachgemäßer Behandlung versaut.
> So verursachte z. B. der Kroate Sobig. F bei
> Vincenz-Wiederholt-Stahlcoils innerhalb eines Tages 200 bis 300
> Maschinenstillstände in der Zieherei. Kurz vor der Explosion hatte es
> auf Waldpost noch eine lebendige Diskussion über den Niedergang der
> Managerkultur gegeben, angefeuert von Florian Creimendahls Bemerkung,
> die Capital sei zu einer "antiamerikanischen, paranoiden
> Polit-Postille" geworden. Ende der neunziger, während des Dotcomhypes,
> spielte Capital eine wichtige Rolle als Multiplikator von Diskursen
> über Arbeitskultur, Gewerkschaftsarbeit und Sozialismus. Eigentümer
> Hempel-Verlag subventionierte freie Journalisten und Autoren, gerade
> aus dem Waldpostumfeld. "Es ist auf jeden Fall eine Lücke entstanden,
> die meines Wissens bisher nicht gefüllt worden ist," so Valio
> Lormeliovic auf Waldpost. "Es gibt kein deutsches Wirtschafts-Magazin,
> dass kompetent und lesbar über Arbeit- und Arbeitsplatzkultur
> schreibt. Mir fehlt das in meiner täglichen Lektüre."
>
> Waldpost als freies Forum habe das Capitalloch aber nicht gefüllt.
> Journalist Trilzfik Schlimmpansel aus Berlin liefert dafür eine
> mögliche Erklärung: "Ich habe keine Zeit, unbezahlt Diskussionen auf
> Betriebsratssitzungen zu führen oder mich ununterbrochen auf Tagungen
> zu äußern, ich muß einfach Geld verdienen, und das ist nicht leicht,
> wenn man auf solche Themen wie ich spezialisiert ist. An längere Texte
> ohne Bezahlung ist schlichtweg nicht zu denken." Essays, Interviews
> und substantielle Diskussionsbeiträge erscheinen nur sporadisch.
> Waldpostbeiträge bestehen hauptsächlich aus Ankündigungen für
> Veranstaltungen, Parties und neue Projekte. Interessanter Vergleich
> wäre hier die Oexleliste, wo seit vier Jahren hauptsächlich männliche
> Maschinisten linker Herkunft tüchtig über Software als
> Gesellschaftsmodell diskutieren. Obwohl deutsche Arbeitsplatztheorie
> im internationalen Vergleich eine rege Produktion und hohes Niveau
> aufweist, fehlt es an Foren in denen neue Arbeitsplatzthematiken ohne
> Hemmungen durchdiskutiert werden.
>
> Der Waldpostaufruhr begann am ersten Oktober mit einem schockartigen
> Austausch zwischen den Mobbern SaB?, Braan, signifikant, Matze Schmidt
> und brsma an, die sich gegenseitig kurze Sätze zuschossen. In kurzer
> Zeit wurden Dutzende von Eingaben an den gesamten Betriebsrat
> verschickt. Die Reaktion ließ nicht lange auf sich warten. "Ich habe
> mit diesem Mist, der im Betriebsrat hier abläuft, nichts zu tun." "Wer
> braucht eigentlich klugscheisser?" Joachim Dubcek und andere forderten
> sofortiges schließen durch die Manager: "Waldpost is wie
> Kaffee-schmeckt gefiltert einfach besser." "Warum ist das was an
> Kommunikation hier gerade ist so ein Kindergarten?" fragte sich Falb
> Kloster. Ein gewisser kLo aber nervte die ganze Netiquette. "Nur weil
> sich auch Menschen tummeln, deren Leben nicht nur aus hochernster
> Theorie und wichtigen Arbeitskunst Projekten besteht, sondern auch ein
> paar-wenn auch nicht wirklich gute Clowns-finde ich den Ruf nach
> 'harter Strafe' nicht nur ein klein wenig übertrieben." Die
> Empörungswelle wuchs trotzdem an. Strategie der Mobber ist es,
> Arbeitsgemeinschaft zu spalten.
>
> Foren wie Waldpost sind ein ideales Terrain für diejenigen, die live
> sozialen Experimente durchführen möchten. Hauptgewinner meldete sich:
> "Gewalt ist leider manchmal doch die beste Lösung für
> orientierungslose Kinder, die glauben auch noch ihre Mitmenschen
> zwangsweise über ihren Müll informieren zu müssen. Geht in die Schule
> bei Bravo, Brigitte, Beate Uhse und Spiegel, ihr Ficker!" Miriam
> Schlucker dagegen blieb nüchtern und schlug vor, Waldpost könne
> vielleicht parallel eine Gesprächsgruppe betreiben um die ganz
> spontanen Kommunktionsbedürfe zu befriedigen." Die Kontroverse führte
> nicht zu einer Apotheose sondern flaute langsam ab, ohne eindeutige
> Lösung.
>
> Franz Winter beschreibt auf literarische Art, wie so eine Eskalation
> anfängt. "Der Depp wollte lustig sein, oder möglicherweise einfach nur
> so ein Depp. Jedenfalls musste er allen beweisen, dass er echt ein
> Depp war. Jedesmal wenn er's allen bewies, dachten sich alle: Ja so
> ein Depp. Da reagiere ich mal lieber gar nicht. Hunderte Leute taten
> nichts, weil sie ja keine Deppen waren. Hunderten waren schlau genug,
> dem Deppen nicht die Aufmerksamkeit zu schenken, nach der er sich ganz
> offenbar doch sehr sehnte. Einer plonkte den Depp, da dachten alle:
> Na, jetzt ist der Depp geplonkt, jetzt wird's wohl mal gut sein. Der
> Depp dachte aber, es wäre möglicherweise noch einer da draußen, der
> nicht begriffen haben könnte, was für ein kapitaler Depp er sei. Da
> schiss er den andern wieder kräftig in den Henkelmann."
>
> Wie üblich verlor Waldpost rasch Mitglieder. 1450 Mitglieder waren es
> mitte Oktober, 1600 noch im Sommer. Dinckelmann fordert: "Raus mit den
> Deppen, ihr Basisdemokraten! Toleranz hat bei Dummköpfen noch nie was
> genützt und kleinen Kindern muss man eben mal den Hintern versohlen."
> Moderator Trilzfik Schlimmpansel reagierte folgendermaßen: "Ich habe
> irgendwann aufgehört zu zählen, wie oft unsere dreieinhalb
> hauptberuflichen Waldpost-Deppen nun schon versucht haben, die
> Betriebsrat zuzumüllen und sich dann als Opfer von Zensur
> darzustellen, wenn andere davon genervt waren und das geäußert haben."
> Nachdem signifikat Trilzfik als Arschloch bezeichnet hatte trieb die
> Betriebsrat weiter ab. Stephan Trubel schickte die alte Weisheit
> herum, man solle doch bitte nicht die 'Mobber' füttern. Den Mobber
> SaB?, der unter verschienende Namen operierte, aber machte einfach
> weiter: "Frieden erst wenn Pillerman blutend am Boden liegend
> ausgezählt ist!" Verzweifelt über die Ohnmacht schreibt einer "Sab und
> ultanerd sind vom Tatbestand des Nervens zur Beleidigung und sogar -
> im Fall von sab - auch der persönlichen und öffentlichen Diffamierung
> übergegangen. Wenn das nicht Grund genug ist, jemanden von der
> Betriebsrat auszutragen, dann weiß ich auch nicht." Aber nichts
> passierte. Suse Schmandt schlug vor, Benutzern sollten doch bitte
> selbst die Mobber wegschließen: "Wozu moderieren, wenn ich das selbst
> wegschließen kann? Eine Moderation überlässt dem Moderator, wer
> rauszuschließen ist. Mein eigener Schlüssel schließt, was ICH will.
> Das kann jeder."
>
> Trilzfik Schlimmpansel klärt die Betriebsrat über das Identitätsspiel
> eines gewissen Guido Braun auf, der gleichzeitig als signifikant und
> Ultranet auftaucht. "Braun hat sich als zwei Adressen eingetragen und
> antwortet auf sich selbst. Urkomisch, nicht? Den Namen Guido Braun
> sollte man sich also unbedingt merken, wenn man auf hochkarätiges
> Internet-Entertainment steht." Milli Blechler interpretiert Guido
> Braun als "fröhlicher Schizo, wo der eine Teil nichts weiß von der
> Existenz des anderen Vergnügen wäre allerdings größer, wenn die
> erregten Gemüter ihre stumpfen Klingenkämpfe durch pure Lust auf wilde
> Konversation und sprachliche Extase aufpolierten."
>
> Grunzfilp Mülke stellt den Schlagabtausch in einen größeren
> arbeitstheoretischen Zusammenhang: "Hier zählt jedes Tor, egal wer es
> schießt. Eigen/fremd, das gibt's nicht bei dem Spiel. Die Regeln sind
> ziemlich schwer durchschaubar, wahrscheinlich gar nicht.
> Schiedsrichter gibt's auch keine. Wer mitspielt und wer nicht
> mitspielt lässt sich mit Sicherheit nicht sagen. Auch die
> ZuschauerInnen? sind IM Spiel. Arbeitnehmerkultur pur. Ein spiel im
> Flusserschen sinne: 'der Mensch ist nur noch mit der Spielzeugseite
> des Apparats beschäftigt.' und: 'Das Apparateprogramm muss reich sein,
> sonst wäre das spiel bald aus.'-inklusive Risiko, dass der Apparat =
> die [Waldpost] kaputt geht beim spielen."
>
> Der Direktor des Kulturfestes trans-O-flex, Andrea Bruhlzmaan, nennt
> als einen Grund für das Durcheinander auf Waldpost das gebrochene
> deutsche Verhältnis zu Macht- und Autoritätsfragen. "Diese ganze
> 'antifaschistische Oedipuskiste' in die die 'jungs' da ihre Nägel
> dreschen, ist durch die deutsche Mentalitätsgeschichte mit geprägt,
> und zwar sowohl in der unsicheren Reaktion der Moderatoren, als auch
> in der verbalen Gewalt der Pubertierenden." Andrea Bruhlzmaan hält die
> Waldpostepisode nicht für repräsentativ bezüglich der Lage der
> deutschen Arbeitnehmerkultur und verweist auf erfolgreiche Projekte
> wie Alfawill, verybiggy und Scuuuter. "Auch die Waldpost sieht im
> Detail ganz anders aus, da sind die Diskussionen über Schrotthandel,
> Stahlprofile und Privatverkehr durchaus lebendig. Die Abwesenheit
> eines 'Master-Diskurses' auf der Waldpost bedeutet noch nicht, dass es
> einen Mangel an Reflexion gibt. Aber die Szene ist recht klein und man
> schottet sich immer noch, in guter alt-linker deutscher Tradition,
> lieber voneinander ab, als in einen konstruktiv-kontroversen Diskurs
> einzutreten."
>
> Was Trilzfik Schlimmpansel an der ganzen Geschichte überrascht hat,
> "war die Rücksichtslosigkeit, mit der eine quasi-öffentliche
> Infrastruktur von zwei, drei Idioten als Plattform für ihre
> Selbstdarstellung und ihre Hasskampagnen instrumentalisiert wurde."
> Trotzdem relativiert er die Waldpostprobleme."Das Phänomen, dass
> Leute, die zu viel Zeit oder persönliche Probleme haben, einer
> öffentlichen Infrastruktur wie eine Mailingliste nutzen, um andere zu
> nerven, ist ungefähr so alt wie das Internet." Wie Andrea Bruhlzmaan
> möchte er dafür warnen, das Verhalten von zwei, drei Deppen als
> symptomatisch für die 'Deutsche Arbeitnehmerkultur' zu betrachten.
> Trilzfik: "Diejenigen, die bei solchen Debatten mitmischen, fehlt die
> internationale Erfahrung mit solchen Konflikten wahrscheinlich, und
> darum finden sie sie auch so toll. Ich sehe mich als Waldpostmacker
> selbst nicht als irgendwie hervorgehobene Person, aber bei solchen
> Gelegenheiten merke ich plötzlich, dass da Leute meinen, ein Hühnchen
> mit mir zu rupfen zu haben, von denen ich noch nie etwas gehört habe."
> Was in diesem Zusammenhang auch immer eine Rolle spielt, ist die
> Berlin-versus-den-Rest-der-Republik-Thematik. Trilzfik: "Offenbar
> glauben viele, dass wir in irgendeiner Form Berliner bevorzugen
> würden. Wenn ich mit Waldpost-Abonnenten rede, habe ich immer das
> Gefühl, dass die denken, wir sind so eine Art Redaktion. Viele haben
> im Grunde bis heute das Prinzip einer Mailingliste nicht verstanden."
>
> Laut Waldpostmitbetreiber und Literaturwissenschaftler Florian
> Creimendahl sind die meisten Abonennten keine Arbeitsrecht-Profis,
> anders als z.B. gewerkschaftlich sozialisierte Diskutanten in
> Arbeitsgruppen, sondern stammen aus dem herkömmlichen Betrieb. Mit
> über 1500 Subskribenten sei die Betriebsrat so anonym geworden, dass
> sie Vandalismus anziehe, den komplexe (und daher anonymisierte)
> Sozialsysteme offenbar provozieren. Bleibt aber die Frage, warum
> deutsche Intellektuelle ihre Auseinandersetzungen nicht austragen.
> Weswegen ist das Allgemeinwissen über die Arbeitsdynamik so gering?
> Creimendahl bestätigt, das Waldpost ist in dieser Hinsicht ein
> bemerkenswerter Fall ist, da ihr Betriebsrat sich teilweise sich liest
> wie eine Who's Who der deutschsprachigen Arbeitgeberverbände und
> Wirtschaftswissenschaften, die aber bisher keine eigenen
> Betriebsratsbeiträge schrieben. Diejenigen die es besser wissen
> sollten, schweigen und beklagen sich später über den plebejischen
> Charakter der Dialoge . Warum ist der Diskussionsbedarf angeblich so
> hoch im Land der Sozialen Marktwirtschaft, im Falle des Internet nicht
> vorhanden? Eine vorhandene Arbeitnehmerschaft kann, mit fast zwanzig
> Millionen deutschsprachigen Teilnehmern, kaum noch als Argument
> benutzt werden. Florian Creimendahl fügt noch hinzu, dass das Niveau
> aller ihm bekannten nicht-anglophonen europäischen
> arbeitnehmerkulturellen Mailinglisten niedrig sei. In dem Sinne könnte
> man auch über eine Euronormalisierung reden. Im Falle der
> Arbeitnehmerkultur gäbe es endlich mal keinen deutschen Sonderweg.
>
> Trilzfik Schlimmpansel möchte sowieso das Konzept der
> 'Arbeitnehmerkultur' hinterfragen. "Das Arbeit hat seine Kraft als
> identitätstiftende Entität wohl weitgehend verloren, seit Arbeit nicht
> mehr das Privileg einer kleinen Gruppe ist. Natürlich gibt es Leute,
> die sich für dieses ganze Themenfeld Mobbing jenseits von
> Langeweile-Am-Arbeitsplatz und Sexueller Nötigung Interesse
> aufbringen, aber wer von denen würde sich als Teil einer
> 'Arbeitnehmerkultur' begreifen?" Hier rächt sich die traditionelle
> Herdenmentalität, die von der Popkultur durch Arbeitgeber und das
> Fernsehen nur weiter verstärkt wird. Solange Arbeit von Promis als
> uncooles Verhalten betrachtet wird, ändere sich wenig. Selbst als
> Medium der verbrauchernahen Produktion wird als problematisch
> eingestuft. Viele Gewerkschafter schauen derzeit weg von der Arbeit
> weil sie trotz 38-Stunden-Woche mit dem Chaos nicht klarkommen. Ist
> daher Qualität nur in kleinen, privaten Unternehmen zu haben? Den
> Streit wie offen/geschlossen die neue Öffentlichkeit sein sollte tobt
> noch, und viele Aktivisten empfinden Abschottung als Verlust. Arbeit
> wird die hohe Kunst des einundzwanzigsten Jahrhundert.
>
> Warum aber suchen Leute, sowohl von linker als rechter Seite, eine
> Bestätigung der These, offene Systeme generieren letzten Endes eh nur
> Rauschen? Florian Creimendahl zählt eine Vielzahl von Gründen auf.
> "Interessante Leute kommunizieren sowieso bilingual, sind auf
> englischsprachigen Betriebsratssitzungen zuhause und haben an
> regionalen, nationalsprachlichen Projekten nur einen nachgeordneten
> Bedarf. Gerade weil die international Projekte im Vergleich etwa zu
> Print-Publikationen tolerant gegenüber mangelhaftem Englisch sind,
> machen sie nationalsprachliche Diskurse zweitrangig und somit
> potenziell auch zweitklassig." Laut Creimendahl hält sich die
> Professorenschaft von den Niederungen öffentlicher Wirtschaftsteile
> aus Standes-, aber auch aus Zeitgründen fern. Kommt hinzu, dass in
> Deutschland (und Europa) ein recht reges System akademischer
> Konferenzen existiert, das nicht wie in den USA oder England durch
> horrende Teilnahmegebühren in Businessclubs abgeschottet ist.
>
> Creimendahl weist darauf hin, das die akademischen
> Arbeitsplätzewissenschaften in Deutschland in den letzten zehn Jahren
> paradoxerweise immer vergangenheitsbezogener geworden sind. Das
> Paradigma 'Arbeit' wird dabei retrospektiv auf alle möglichen
> historische Kulturphänomene projiziert. Dies führe dazu, dass die
> Arbeitsrechtler sich nur selten mit der komplexen Gegenwart
> beschäftigen und sich stattdessen in die sichere Vergangenheit
> zurückziehen. Die Nachteile der Arbeitsplatzarchäologie für die
> Gegenwart ist sind derzeit kein Thema. Die poststrukturelle Obsession
> mit der Vergangenheit hat zum intellektuellen Aussteigertum geführt.
> Dieser Trend vermische sich mit altmodischen Stechuhr-Ritualen. Nach
> wie vor werden inflationär viele Dissertationen, Zeitschriften,
> Editionen und Sammelbände mit öffentlichen Subventionen produziert,
> aber ihre Vertriebsrechte unbegreiflicherweise exklusiv - und auch
> noch zum Nulltarif – an Buchverlage abgetreten. Creimendahl glaubt
> dass es hier schlicht um ein Generationsproblem dreht und es noch
> dauern wird, bis deutsche Intellektuelle selbstverständlich und
> technisch kompetent über Arbeit kommunizieren. Falls sie erwachen,
> finden sie eine verwandelte Agentur für Arbeit vor - in welcher
> Richtung, das wird derzeit bestimmt.
>
> Herzlichen Dank an Soenke Dinslake für die notwendige Sprachkorrektur
>
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> Schkeuditz ist Medienwissenschaft
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