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[thing-group] Received 03. 07. 2009 14:22 from from

Betrifft: Künstler und Markt

Lieber Stefan,


... ja, das hast Du unter Punkt 1) sehr gut dargelegt, und damit diesen Mythos von "Leistung lohnt sich stets" ein wenig ausgehebelt. Es ist sehr wichtig, herauszustellen, dass es für viele gesellschaftlichen Bereiche keinen echten Markt gibt.

Das ist ja auch prinzipiell gut so, gleichwohl muss die ökonomische Versorgung der jenigen in diesen Bereichen tätigen gewährleistet werden.

Zu Punkt 2): also ich finde eigentlich nicht, dass es schon einen allgemeinen Konsens gibt, dass Künstler und Kulturschaffende gefördert oder gar finanziert werden SOLLEN (siehe wieder Punkt 1)). Bestimmte Institutionen und Einzelpersonen werden gefördert.

[ Ah, schon wieder dieses Unwort "gefördert"! Wie ich an früherer Stelle schon sagte, mag ich es nicht besonders, es hat immer etwas von Almosen, Taschengeld, Luxus, also irgend etwas Zusätzliches ... Kunst und Kultur sind kein LUXUS! ]

Und das WIE, so schwierig kann das doch nicht sein, soviel schwieriger als bei den vermaledeiten Handwerkern! Z.B. in deinem Fall, Stefan: was spräche dagegen, Dir für das organisieren und veranstalten des Multri.Trudi und deiner Seminare ein Honorar auszuzahlen? Oder: WAS spricht dagegen, Künstlern für alles mögliche (Ausstellungen ;-), Konzerte, Performances ... whatever, das sind nur Beispiele, HONORARE auszuzahlen?? Ich denke: nichts.

Dass die KünstlerInnen selber sich argumentativ wappnen sollten, finde ich auch. Ist auch gut fürs Selbstbewusstsein.

Am Schluss nochmal: was mir immer wieder in diskussionen übel aufstößt: WESHALB sollen Künstler und Kulturschaffende eigentlich stets bescheiden am Existenzminimum leben? WESHALB wird ihnen sofort blanker, bösartiger Materialismus unterstellt, wenn sie ein wenig mehr als dieses Existenzminimum einfordern (damit sie mal in Urlaub fahren können oder so.)? ... das ständige Nachdenken über den nächsten Job, das nächste Geld, das macht nicht kreativ. Das macht irgendwann krank.

Ich denke nicht daran, auf ALLES materielle zu verzichten. Und ich bin es leid, mir Sätze anhören zu müssen wie "aber das tust Du doch nicht fürs Geld ...!". Meine zukünftige Antwort wird lauten: "Doch. Ich tue es NUR fürs Geld. Genau aus diesem Grund habe ich nämlich Kunst studiert, weil man damit die dicke Kohle macht."

Dies dazu. Und ich fahre nun in Urlaub. Denn ich bin nicht nur ungemein geldfixiert, sondern auch noch FAUL!

arrividerci,
Verena









--- In thing-frankfurt [at] yahoogroups [dot] de hat Stefan Beck geschrieben:
>
> Liebe Verena,
>
> ich möchte nochmal unsere gestrige Diskussion aufgreifen, weil sie ein
> Thema hatte, das uns Künstlern immer wieder begegnet.
>
> In seiner knappsten Form lautet das Argument wie folgt:
>
> Welches besondere Recht haben Künstler in ihrer Forderung nach
> öffentlicher Unterstützung (Finanzierung!)? Sie sollten sich einfach auf
> den Markt begeben und dort versuchen ihre Leistungen zu verkaufen. Wie
> andere auch. Der Handwerker zB.
>
> Die Antwort sollte in zwei Stufen ausfallen:
>
> 1) Es gilt festzustellen, daß es überall Transferleistungen gibt.
> Nirgendwo, nicht einmal in den USA, werden Leistungen auf einem
> vollkommen freien und transparenten Markt eins zu eins ausgetauscht. Die
> Gesellschaft leistet sich ständig den Geld-Transfer in Leistungen, für
> die es keinen echten Markt gibt. Wissenschaft und Forschung, Bildung,
> Kindererziehung, Für- und Vorsorge aller Art.
>
> Die letzte besonders krasse Form ist die Unterstützung von Banken, die
> sich verspekuliert haben. Hier greift der Staat ein, obwohl man meinen
> könnte, die Banken sollten das auf dem Markt unter sich regeln.
>
> Künstler stehen also nicht alleine da, wenn sie Ansprüche auf
> Transferleistungen erheben.
>
>
>
> 2) Die wesentlich schwierigere Frage betrifft die Argumentation, warum
> Künstler Transferleistungen erhalten sollten.
>
> Aus der Natur der Kunst ist darauf keine allgemeine Antwort möglich.
>
> Wie schon an andere Stelle dargelegt, sehe ich in Künstlern (aller
> Sparten) eine Beobachterfunktion, die sich die Gesellschaft leistet, um
> über sich selbst im Bilde zu bleiben. Hier schliessen sie an die
> Geisteswissenschaften an, die teils mit ähnlichen Problemen zu kämpfen
> haben.
>
> Nun ist das eigentliche Problem nicht, ob Künstler gefördert werden
> sollten, sondern wie. Es wird ja tatsächlich Geld für Kunst und Kultur
> ausgegeben.
>
> Hier bleibt den einzelnen Künstlern nur die Wahl für sich selbst zu
> argumentieren, - warum ist meine Arbeit wichtig, oder die Argumentation
> an Parteien und Berufsverbände abzutreten.
>
> Wie immer, wirds auf den Mix ankommen. Vorläufig glaube ich aber, dass
> die Künstler mehr Arbeit in ihre eigene Argumentation stecken sollten.
> Die Grauzone ist sicher gross, aber ich fürchte, dass die meisten
> Künstler eher versuchen mit den Entscheidungsträgern (Kuratoren etc) gut
> Freund zu werden, als auf Logik zu setzen. Ich mag mich irren.
>
>
>
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