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[thing-group] Received 28. 03. 2010 15:44 from from

Re: Stromausfall

Hallo Hr. Beck,

schöne Sequenzen im Text von Burger, danke für die Einstellung.

Sind wir etwa schon so weit von uns "Selbst" entfernt, das wir nur noch in der Dekonstruktion, Reste unseres wahren Selbst an-erkennen können?
Das könnte ja ebenfalls, in der Aussage projektiv gemeint sein, ...

Kunst erkennt sich nur noch überall dort, wo Kunst-Markt etc., auf jeden Fall, nicht ist.

Ich hatte zudem immer gehofft, das kreativ-künstlerische Betätigung Ressourcen freisetzt, die nicht nur affirmativ danach trachten, sich selbst um ihrer Selbst-Willen zu bestätigen, sondern in der Entfesselung gebannter, fixierter Kräfte, zu einer Veränderung, Befreiung und Autonomisierung der allgemeinen Lebensbedingungen aller Menschen fortschreiten und beitragen.

Tja?




----- Original Message -----
From: Stefan Beck
To: thing-frankfurt [at] yahoogroups [dot] de
Sent: Thursday, March 25, 2010 10:00 PM
Subject: [thing-frankfurt] Stromausfall



Ich bin immer noch fasziniert von der Idee des Stromausfalls. Weil er in
der Regel ein unvorhersehbares Ereignis darstellt, erinnerte ich mich
heute im Gespräch mit Brentis an einen Text des österreichischen
Philosophen Rudolf Burger, der die Möglichkeit einer intentionalen
Herstellung des Ästhetischen in Abrede stellte.

Hier das Zitat aus dem Essay ohne weiteren Kommentar:

Weder in der Kunst, noch in der Natur sind heute die Orte zu finden, an
denen das Ästhetische in höchster Form zutage tritt, auch nicht dort, wo
die Kunst ins Leben übertritt; zu dicht ist das Rationalisierungsgewerbe
geworden, als daß Natur im Normalfall noch zu haben wäre oder Kunst den
technologischen Schleier intentional durchdringen könnte.

Es bricht für Momente nur mehr dort hervor, wo die Konstruktion
intentionslos zusammenbricht: in den Katastrophen der Technik, im
Kollaps naturbeherrschender Vernunft, der ex definitione nicht
prognostizierbar ist, bebt für Sekunden ein Erhabenes auf als "Spur von
Nichtidentität", das die Macht indentifizierter Vernunft von sich abwirft.

Man kann es nicht produzieren, denn als gemachtes wäre es selbst ein
Stück Technik, die es als Ereignis dementiert; kein Augenblick
ästhetischen Scheins, keine Epiphanie verdrängter Wahrheit, sondern ein
Verbrechen. Deshalb war der Futurismus auch ästhetisch falsch, nicht nur
politisch.

Was der Surrealismus individuell intendierte: die intentionslose
Darstellung des Unbewußten in einer rationalistisch gewordenen Welt, den
Aufweis des Nichtidentischen als Kern von Identität selber, das bricht
in der technischen Katastrophe sich gesellschaftliche Bahn. Im
Zerbrechen der Konstruktion zeigt sich die Wahrheit als das Falsche
identifizierender Vernunft.

Deshalb wird ihr Schein ästhetisch genossen und alle Medien leben davon:
Millionen haben verzückt vor den Apparaten gesessen, als die Challenger
explodierte. Es war Performance-Art in Vollendung und sogar das Wetter
war günstig.

In Das Gläserne U-Boot, Wien/Krems 1988, S.44

--

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Stefan Beck
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