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[thing-group] Received 19. 02. 2010 23:54 from from

Re: why are artists poor

Interessante Aspekte in diesem Text,
Autonome Kunst als "Geschäftsmodell" ohne Gebrauchswert zu betiteln und diese in einer Linie mit den darauf in ironischer Weise zitierten Derivaten der Investmentbanker zu setzen, halte ich zumindestens für recht fragwürdig.

Die kommerzialisierte Kunst, die sich wertsteigernd durch hoch ambitionierte Galeristen befördert, dem Kapital als Wertanlage anbiedert, ist manchmal, doch meist eben nicht jene "autonome" Kunst von der wir hier reden. Jene eher eindeutig als "Kommerzkunst" zu betitelnde, ist zum Serienprodukt geworden, das sich selber immer wieder im frei gewählten Kontext inszeniert, bedarfsmäßig reproduziert und sich dazu des frei schwebenden "Kunstbegriffs", ihn einengend und einseitig bestimmend, bemächtigt.

Und darauf inszeniert sich eben diese gerne gesehene Kommerzkunst als Distinktionsmerkmal der Eliten, in freudigem Bewusstsein dessen und in marktgerechter Entlohnung der ausführend Handelspartner.
Zum Geschäft geronnen zwischen "ehrbaren" Kaufleuten.
Stabilisierend wirkt sie sich aus, als Geschäftsmodell und treibt die Entwertung etwaiger noch als "autonom und künstlerisch" verstandener Inhalte voran. Der Kommerz, der Markt hat den wenigen noch autonom handelnden (nicht etwa Schlossbesitzern wie Damien Hirst, ..) ihre Werke eher geraubt, als das diese als Künstler und autonom handelnde Personen dahinter verstanden wurden. Sie sind am Kontrakt beteiligt worden, aber nur Objekt desselben. (..., oder bisweilen Geschäftspartner: "und was machen sie sonst noch so, Herr Richter"?)

Jene Kunst "funktioniert", weil der Markt es so entschieden hat und nicht weil Inhalte anders gemeint waren, oder zufällig dem Gebaren der sie illustrativ einschränkend und als schmückenden Deko verwendenden Geschäftswelt zur Steigerung der eigenen freudvollen Produktivität entsprechen.

Die Künstler sind eben nicht mehr anwesend, ihre umgedeuteten, gekauften Arbeiten zieren Flure und Räume von ausdrücklich zweckorientierten und der instrumentellen Vernunft verpflichteten Lokalitäten.
Etablierte marktfähige/marktgängige Kunst trägt bei Gelegenheit ihren kleinen Teil dazu bei, das der Broker noch windigere Spekulationsmodelle ausheckt und sich in ästhetischer Umgebung eventuell wohler fühlt, seine Raubzüge zu planen.


Des Künstlers Brot, seinen Ertrag nur an Geschäftsmodellen auszurichten, die heteronom gelenkt von den Wirtschafts-Mächtigen vorgegeben werden, ist per se aussichtslos, in der Tat. Denn wer die Regeln bestimmt, der kontrolliert auch das "Geschäft".

Noch lustiger finde ich es, wenn in Analogie zur erweiteten Methodik und der erkannte Folgeschäden eingrenzenden Dialektik einer über-liberalisierten Geschäftswelt, "Dienstleistungen" mal wieder als allgegenwärtiges, heilsames und hoffnungsvolles Szenario anskizziert werden.

Der gesellschaftliche Diskurs wird zu 95% von herrschenden Praktiken des Finanzkapitals erzeugt, bestimmt und vermittelt, in jener Idee wird der allseits einschränkende Rahmendiskurs, ehrfürchtig (bewusst?) nicht verlassen.

Abschließend geht es also wieder nur darum, "Geld" zu generieren, Ansatz der kurioserweise stark erinnert an die ironisch bemühte Welt der Derivatevermittler und andere Wettobjekt-Betreiber. Widersprüche?

Kunst als marktfähige Produktivkraft ist eben nicht die alleinige Errungenschaft in der sich der Selbstwert der Menschen als sozial taugliches Individuum erkennen lässt. Inzwischen ahne ich, das zu sehr gnädige und vermittelnde Methoden, ebenso hier von Frau Pivecka angedachte, konformistische Überlebensstrategien für Kunstschaffenden, nicht mehr ausreichen werden, um an die akkumulierten Reichtümer derer zu gelangen, die fast allen Menschen und nicht nur den autonomen Künstlern, in Entfremdung, Vernutzung und Umleitung, ihre Arbeits- und produktive Lebenskraft genommen und ihnen den Ertrag daraus vorenthalten haben.

Amen.




----- Original Message -----
From: Jutta Pivecka
To: thing-frankfurt [at] yahoogroups [dot] de
Sent: Friday, February 19, 2010 2:42 PM
Subject: [thing-frankfurt] why are artists poor



>>> das geschäftsmodell der "autonomen Kunst" ist eben grundsätzlich fragwürdig: völlig abgekoppelt von jedem möglichen gebrauchswert ermittelt sich der wert der kunst"werke" genau wie der von derivaten und anderen wettobjekten der finanzwelt. dieses hochproblematische geschäftsmodell (weil es kunst - und künstler - per se aus sozialen kontexten ausgrenzt und gerade dies zum merkmal von kunst und künstlerischer existenz macht) hat ausgerechnet die postmoderne finanzwirtschaft lustigerweise übernommen - und auch hier führt es zur verarmung der vielen und zum exorbitanten reichtum von wenigen.
>>> damit wir uns nicht falsch verstehen - die "zweckfreiheit" der kunst in der moderne war eine errungenschaft, weil nur in ihr und durch sie die erkenntnis vom selbstzweck des menschen sich darzustellen vermochte. unglücklicherweise geschah und geschieht dies auf eine weise, die gerade die kunst zum distinktionsmerkmal zwischen den sozialen klassen und schichten macht, als "soziales" kaptial der eliten. und damit wurde durch die hintertür ein "zweck" wieder eingeführt. wie sein werk, so spielt auch der autonome künstler in diesem modell eine rolle, die - anders als die avantgarden der moderne es wollten - mittlerweile nur noch stablsierend auf die bestehenden verhältnisse wirkt. der finanzjongleur unserer zeit schmückt sich mit "kunstkenntnis" und seinen büroturm mit zeitgenössischer kunst. die anwesenheit des künstlers sichert dem establishment den schein von liberalität und fortschrittlichkeit. er verziert und verdeckt, was tatsächlich geschieht und dies - paradoxerweise genau dann am besten, wenn die kunst sich "kritisch" mit dem verhältnissen "auseinandersetzt", in denen sie sich präsentiert.
>>> wie kann man dem entgehen und dem künstler sein brot verschaffen? an der schwelle zur moderne wurde ein anderes geschäftsmodell erprobt, das jedoch scheiterte, weil es in die sphäre der gebrauchskunst, der u-kunst verbannt wurde: der künstler als selbstständiger unternehmer, der die diversifikation und den vertrieb seiner produkte selbst steuert, statt sie einem (wett-)handel zu überlassen. dieser künslter-typ sieht sich selbst als citoyen und seine kunst als beitrag zur auseinandersetzung der gesellschaft mit sich selbst (also richtet sich gerade an ihrem "gebrauchswert" aus). das modell, von dem ich rede, hat u.a. hogarth erprobt, der englisch porträtmaler, comiczeichner und moralist, der nicht zufällig auch das erste copyright erstritten hat. die neuen medien (zuvörderst das netz) könnten diesen weg wieder öffnen: statt "werke" auf einem ominösen "kunstmarkt" anzubieten, müsste der künstler seine einnahmen aus den "dienstleistungen" erwirtschaften, die er in einem gesellschaftlichen diskurs erbringt (z.B. über "abonnenten" seiner blogs u.ä.) noch ist nicht klar, ob es je eine möglichkeit geben wird, hier genug geld zu generieren, um nicht zu verhungern. dennoch: ich sehe da mehr chancen als risiken, denn die widersprüchlichkeit und widerlichkeit des etablierten kunstmarkts ist ja gar nicht mehr zu übersehen.

Dr. Jutta Pivecka
jspivecka [at] yahoo [dot] de
jusupi11 [at] googlemail [dot] com





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